Warum erzählst du mir das?

Wieso passiert mir das immer wieder? Warum lasse ich es immer wieder so weit kommen?
Vielleicht erscheine ich ja besonders vertrauenswürdig und die Menschen glauben deshalb, sie könnten mir alles erzählen. Leider passiert es immer wieder, dass ich mir die Probleme von anderen Menschen anhöre. Und das führt dann dazu, dass ich mich mit eben diesen fremden Problemen auseinander setze, anstatt mit meinen eigenen, von denen ich ohnehin schon genug habe.
Ich weiß genau, dass ich nach einem solchen Gespräch noch lange grübele und überlege, was ich in der jeweiligen Situation tun würde. Ich versuche fremde Probleme zu lösen!
Ich will immer wieder schreien: „Warum erzählst du mir das? Mich interessieren deine Probleme nicht. Du willst von meinen ja auch nichts wissen!“
Aber natürlich will ich keine Beziehungen auf’s Spiel setzen und niemanden vor den Kopf stoßen. Das würde mir vermutlich hinterher auch Leid tun – mit all den unangenehmen Konsequenzen: Schuldgefühlen, Zweifel und Selbstvorwürfe mit denen ich dann quälen würde.
Ich versuche immer wieder, mich vor solchen Situationen zu schützen, mich solchen Erzählungen zu entziehen, aber ich schaffe es einfach viel zu selten. Und ich kann ja nicht einfach ganz aufhören, mit anderen Menschen zu reden

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Tiefpunkte

Ich habe schon ein paar Tage nichts mehr geschrieben.

Dafür habe ich anderes getan. Ich habe bis tief in die Nacht herum gesessen und überlegt, was schief gelaufen ist und warum. Und wie immer habe ich die Fehler immer nur bei mir gesucht. Im Moment ist alles wieder so anstrengend und ich weiß nicht, ob ich mich aus diesem Loch wieder heraus ziehen kann. Aber ich will stark sein und ich bemühe mich, die quälenden, dunklen Gedanken keine Macht bekommen zu lassen. ich versuche, sie los zu lassen. Sie mit dem Wind ziehen zu lassen. Aber sie sind hartnäckig.

Und dann kommen immer wieder diese unangenehmen Erinnerungen, die Ängste vor dem was vielleicht kommen wird oder vielleicht auch nicht. Es sind diese vollkommen unsinnigen Gedanken, die mich herunter ziehen, zu Boden drücken. Aber ich weiß nicht was ich dagegen tun soll.

Ich weiß es einfach nicht!

Bewerbungs-Qualen

Liebe Mitarbeiter der Personalabteilungen, liebe Human-Ressources-Manager,

was macht Ihr eigentlich den ganzen Tag in Euren Büros? Habt Ihr tatsächlich so viel zu tun, dass Ihr es nicht einmal für nötig haltet, Euch bei euren Bewerbern zu melden? Eine Eingangsbestätigung wäre nett, oder auch eine Absage – irgendeine Reaktion, ein Lebenszeichen.
Glaubt Ihr tatsächlich, es macht Spaß, tagelang an Bewerbungsunterlagen zu arbeiten, seinen Lebenslauf zu „optimieren“ und ein Anschreiben zu formulieren, dass vielleicht Eure Gnade findet?
Ihr habt doch eine Ausschreibung in die Welt gesetzt, Ihr habt doch um Bewerbungen gebeten. Warum meldet Ihr Euch dann nicht, wenn man sich schon die Mühe macht, und Euch seine Unterlagen schickt? Ist das nicht das Mindestmaß an Höflichkeit? Ein kleiner Formbrief als Bestätigung, dass Ihr die Unterlagen bekommen habt, würde ja schon reichen.

Meine Erfahrung: 75% aller Bewerbungen, die ich verschicke, werden nicht beantwortet – und dabei ist es egal, ob ich sie per E-Mail oder in Papierform per Post verschicke. Und ja, ich habe meine Bewerbungen überprüfen lassen. Es gibt keinen Grund, nicht darauf zu antworten.
Deshalb stelle ich mir die Frage: Was macht Ihr den ganzen Tag? Seit Ihr tatsächlich so überarbeitet, dass Ihr nicht einmal dazu kommt, auf die selbst angeforderten Bewerbungen zu reagieren? Wenn nicht – meldet Euch, ich übernehme den Job gerne.

Insgesamt habe ich bislang nur einen „Personaler“ erlebt, der seinen Job – in meinen Augen – richtig gemacht hat. Er konnte mir konkret sagen, warum er einen anderen Bewerber vorgezogen hat. Und er konnte es sogar verständlich formulieren!

Und am anderen Ende der Skala ist diese kleine Personalvermittlungs-Agentur, die mich auf eine Bewerbung hin eingeladen hat.
Ich war kurz vor der vereinbarten Zeit dort und hätte auch kein Problem damit gehabt, wenn sich der Termin etwas verzögert hätte – Akademisches Viertel, und so. Aber 45 Minuten später saß ich noch immer in dem Warteraum. Da war es auch dem Mitarbeiter, der mich in Empfang genommen hatte, schon etwas peinlich. Auf meine Nachfrage hin, kam er dann mit der Anweisung zurück, er solle mit dem Gespräch schon einmal beginnen.
Nach weiteren 20 Minuten kam dann die eigentliche Sachbearbeiterin (oder wie sie sich auch immer nennen mag), stellte sich vor und setzte sich zu uns. Und dann begann das Vorstellungsgespräch von vorne – alles in diesem nicht gerade einladenden Warteräumchen.
Das Gespräch lief dann aber trotz allem sehr positiv – das war zumindest mein Eindruck. Die Dame stellte mir sogar direkt einen Job in Aussicht. Sie wüsste schon genau, wo sie mich unterbringen würde. Alles weitere wäre eine Formalität. Sie würde ein „Profil“ von mir anfertigen, dass ich dann freigeben sollte. Dieses würde dann meinem zukünftigen Arbeitgeber vorgelegt – der Arbeitsvertrag sei praktisch schon aufgesetzt.
Was natürlich nicht kam, war das angekündigte Profil. Man hätte gerade so viel zu tun, dass man noch nicht dazu gekommen sei, teilte man mir auf nachfrage drei Wochen später mit. ich sollte es aber in den nächsten Tagen erhalten.
Weitere zwei Wochen später hieß es dann, man habe mich verschiedenen Arbeitgeber angeboten. Man würde sich wieder melden. Von dem Profil war schon nicht mehr die Rede. Man habe meine Unterlagen anonymisiert und weitergegeben.
Das ist jetzt bald drei Monate her. Gehört habe ich seitdem nichts mehr. Vielen Dank für nichts!

Gebracht haben mir die ganzen Aktionen bislang nichts. Und meine Meinung von den Leuten, die in Personalabteilungen und Vermittlungsagenturen arbeiten, ist inzwischen auch nicht besonders gut.

Fremde und Freunde

Manchmal habe ich das Verlangen nach draußen zu gehen. Menschen zu treffen – Freunde oder zumindest Bekannte. Oder auch einfach irgedwen. Mit Fremden in der Kneipe ein Bier trinken. Oder mit den Nachbarn einen Wein – auf der Terasse, im Garten oder am Tresen. Nur raus aus der Enge, aus der Stille. Die gewohnte Bahn verlassen. Nicht immer zur gleichen Zeit aufstehen, im Büro die gleichen Handgriffe und um 12 in die Kantine, wo einen die immer gleichen Gesichter ansehen.
Aber dann bekomme ich Angst – Angst, dass ich die Fremden nicht ertrage, dass sie mir zu nahe kommen. Aber auch Angst, dass ich sie nicht unterhalten kann, dass ich langweilig bin.
Und ich weiß auch, dass mir die Routine halt gibt. In den schlimmsten Zeiten bin ich nur deshalb aus dem Bett aufgestanden, weil ich es schon immer getan habe, habe mich rasiert und gewaschen, weil es schon immer so war, bin ins Büro gegangen, weil es die Routine so vorsah.

Aber inzwischen denke ich, dass ich das Schlimmste überstanden habe, dass ich mir Abweichungen von der Norm, Ausbrüche aus meinem engen Gerüst erlauben kann. Und trotzdem scheue ich davor zurück, meinen Fuß vor die Tür zu setzen und die wenigen Schritte über die Straße zu gehen. Ich kann nicht sagen, was mich davon abhält, aber ich schaffe es einfach nicht.
Es ist das Gefühl, mich nicht aufdrängen zu wollen. Die Angst, andere zu langweilen, sie von wichtigerem abzuhalten.
Ich höre das Klappern von Flaschen und Gläsern, das Lachen. Ich weiß, dass sie nichts dagegen hätten, wenn ich vorbei ginge, um ein paar Worte mit ihnen zu wechseln. Sie würden mich sicher bitten, mich zu ihnen zu setzen, mir etwas zu trinken anbieten. Aber dennoch habe ich diese Angst, die ich nicht überwinden kann, und die mich davon abhält.

Diagnose und Behandlung

Ich erinnere mich, dass ich mich erleichtert fühlte, als mein Hausarzt mir sagte, er vermute bei mir eine Depression. Er überwies mich zu einem Psychotherapeuten.
Endlich war klar, was mit mir los war. Endlich eine Erklärung für die Müdigkeit, die Niedergeschlagenheit, die Lustlosigkeit. Körperlich war nichts zu finden.
Also ging ich zum Therapeuten. Es war zunächst angenehem, mit jemandem zu sprechen. Mit jemandem, der zu verstehen schien, was mit mir los war. Jemand, der mir die Hoffnung gab, etwas für mich tun zu können. Und tatsächlich schienen die Sitzungen zunächst zu helfen. Ich redete mir manche Sorgen von der Seele und hatte auch einige Einsichten, was die Gründe für meinen Zustand betraf.
Aber je länger die „Therapie“ dauerte, desto weniger Sinn hatte sie für mich. Woche für Woche ging ich zum Therapeuten (den ich nie als „meinen Therapeuten“ ansah) und überlegte jedes Mal, was ich diesmal erzählen sollte. Und jedes Mal fiel mir weniger ein – zumindest nichts, was mir erzählenswert erschien.
Und zugleich wollte ich auch immer weniger erzählen. Ich hatte das Gefühl, immer etwas neues, überraschendes, tiefsinniges oder unterhaltendes liefern zu müssen. Reines Leistungsdenken.
Und immer weniger hatte ich den Eindruck, dass es immer weniger voran ging, dass der Therapeut ein Interesse daran hatte, was ich sagte oder dachte. Und er lieferte auch keine Hilfen oder Anleitungen mehr, wie ich meinen Zustand verbessern könnte.
Irgendwann ging ich nicht mehr hin. Ohne mich abzumelden. Er hat aber auch nie nachgefragt, was mit mir sei.

Und dann waren da die Psychopharmaka. Natürlich bekam ich auch diese. Verschrieben von meinem Hausarzt. Der Therapeut durfte das nicht, was vermutlich auch besser war.
Ich will nicht behaupten, dass die Mittel nicht halfen. Ich fühlte mich objektiv geseen tatsächlich besser. Meine Grundstimmung war positiver, entspannter. Das erste Mittel machte mich gleichzeitig aber auch müde. Außerdem nahm ich zu – mehr als gesund sein konnte.
Also ging ich wieder zum Arzt, der mir ein anderes Mittel verschrieb. Ich war wieder wacher und nahm nicht mehr zu – zumindest nicht mehr so sehr. Aber das waren nicht alle Nebenwirkungen. Meine Lust auf Sex ging gegen Null, wurde noch geringer als sie ohnehin schon war. Aber die Fähigkeit dazu hatte ich ohnehin schon verloren – es ging nichts mehr.
Viel schlimmer waren aber die Veränderungen in meiner Persönlichkeit, in meinem Verhalten. Ich wurde ungeduldig, streitlustig. Ich schrie Leute an, die mich auf der Straße aus Versehen anrempelten. Ich hatte Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren. Meine Gedanken sprangen ziellos und unkontrolliert von einem Thema zum nächsten. Mir wurde es erst bewusst, als meine Frau und Freunde mich darauf aufmerksam machten.
Mein Arzt riet mir davon ab, das Mittel abzusetzen. Ich tat es dennoch – gegen seinen Rat und ohne seine Kontrolle. Natürlich habe ich zuerst reduziert. Irgendwann war es dann aber zu Ende.
Acht Wochen litt ich unter Schwindelgefühlen, Schweißausbrüchen, Übelkeit und – vor allem Abends – an Sehstörungen. Aber die Beschwerden ließen nach und verschwanden schließlich ganz.
Und zum Glück kam auch die Depression nicht zurück. Nun gut, zumindest nicht so heftig, wie sie zuvor war. Und inzwischen schreibe ich mir den Druck aus dem Kopf. Wenn die Niedergeschlagenheit zurück kommt schreibe ich auf, was mich quält. Ich schreibe den Stress auf und die Traurigkeit. Alles, was mich runter zieht und belastet. Meine Probleme und Ängste, meinen Ärger und den Hass. Und wenn ich es aufgeschrieben habe, kann ich es vergessen. es ist noch da, aber es ist jetzt auf dem Papier. Ich kann es weglegen und muss nicht mehr daran denken.
Ich bin wieder ruhiger geworden, habe abgenommen und stehe dem Leben wieder positiver gegenüber. Auch und vor allem wegen meiner Frau, die immer zu mir gehalten und mich unterstützt hat. Auch wenn ich wieder einmal nicht aufstehen konnte, wenn ich nur heulen konnte oder schreiend und schimpfend durch die Gegend gelaufen bin.
Den Tipp mit dem Schreiben hat mir übrigens niemand gegeben – kein Arzt, kein Therapeut. Darauf musste ich erst selbst kommen.

Schule?

Wie das angefangen hat, woher die Depression kommt? Ich kann es nicht sagen. Oder ich könnte vieles sagen, viele Gründe finden.
Vielleicht lag es an den Erfahrungen in der Schule.
Ich erinnere mich an mehrere Situationen. Einmal kam ich nach einer Krankheit zurück in die Schule. Der Lehrer stellte eine Aufgabe – ich glaube es ging um Rechnen mit Klammern oder etwas ähnliches – und ich wusste nicht, wie es funktioniert. Also fragte ich nach. Großes Gelächter der anderen Schüler. Der Lehrer erklärte es mir. Aber das gelächter klang noch lange nach.
Eine andere Mathelehrerin in der fünften oder sechsten Klasse liebte es, die Stunde mit Schnellrechnen zu beginnen. Alle mussten aufstehen. Dann stellte sie Aufgaben, die wir im Kopf lösen mussten. Wer die Lösung als erster nannte durfte sich setzen. Das ging so lange, bis alles Schüler wieder saßen. Schon der Gedanke daran löste bei mir Panik aus. Und die ersten fünfzehn Aufgaben versuchte ich nicht einmal zu lösen. Meist war ich der letzte der stand. Irgendwann rechnete ich nur noch die letzte Aufgabe mit. Immer der letzte.
Von anderen Lehrern kamen dann Sätze wie: „Kannst Du das genauer sagen?“ „Das ist nicht ganz richtig.“ „Formuliere präzieser!“
Genauer als die Dummschwätzer, die 20 Minuten redeten und doch nichts sagten? Vielen Dank auch.
Lob kam eigentlich fast nie. Und wirkliches Interesse zeigten die Lehrer meist nur, wenn die Noten schlecht waren. Aber wer will schon solches Interesse?
Insgesamt war ich während der gesamten Schulzeit gutes Mittelmaß, weitgehend unbeachtet, unsichtbar. Auch für die meisten anderen Schüler.
Aber auch das war nicht gut. Ich wollte doch beachtet werden, nicht immer in der zweiten Reihe stehen und zurückstecken. Ich habe viel Musik gemacht, habe auf der Bühne gestanden. Und habe dann doch nur die Kulisse gebildet für diejenigen, die eine bessere Show liefern konnten. Irgendwie habe ich nie wirklich etwas gefunden, dass mich wirklich ausgezeichnet oder besonders gemacht hätte. Aber letzten Endes war das ja auch nicht gern gesehen. Das hatte ich als ältestes Kind schon früh gelernt. Besser war es immer zurück zu stecken, sich nicht in den Vordergrund zu drängen, aberen nicht auf die Nerven zu gehen, sie nicht zu belasten.
Irgendwann hatte ich natürlich auch das Schreiben für mich entdeckt. Fantastische geschichten, die ich mir abends im Bett an der Grenze von Wachen und Schlafen erträumte. Ganze Schulhefte schrieb ich voll. Heimlich! Meinem Vater hätte es nicht gefallen.
Irgendwann gab ich eines davon einem Deutschlehrer, dem ich – so glaubte ich – nicht ganz egal war. Er laß mein Machwerk – und nannte es einen netten Versuch. Meine Hefte landeten im Müll.
Hat er wirklich geglaubt, dass ich das hören wollte? Ist das die Art, wie man einen jungen menschen, der auf der suche nach seinem Weg ist, motiviert? Ich weiß es nicht. Ich glaube es nicht.
Irgendwann – spätestens im Gymnasium – sehen es die Lehrer dann endgültig nicht mehr als ihre Aufgabe an, ihre Schüler zu motivieren. Es ging nur noch darum, Lehrpläne abzuarbeiten und „Wissen zu vermitteln“. Wer nicht mitkam, wer keine Leistung brachte, musste sehen wo er blieb. Kreativität und Originalität waren hier natürlich erst recht nicht gefragt. Wer sich nicht einfügte und in der Reihe mitmarschierte hatte schon verloren. Aber ich hatte ja zum Glück schon früh gelernt, mich einzufügen, mich unterzuordnen, nicht aufzufallen, unsichtbar zu sein.
Irgendwann war die Schulzeit vorbei. Halbwegs ordentlich überstanden. Aber ich glaube da war es schon zu spät.
Und nach der Schule ging es irgendwie weiter. Ich ließ mich vom Leben weiter treiben. Aber das war mir in diesem Moment egal. hauptsache ich fiel nicht auf.